Aggressives Verhalten Bei Kindern – Hilfe Durch Klare Regeln Und Viel Liebe

In diesem Beitrag bespreche ich das sogenannte „aggressive Verhalten“ bei Kindern. Ich versuche die Hintergründe aufzuzeigen, die zu solchem Verhalten führen und wie man als Beteiligter am besten damit umgeht. Gegen Ende des Artikels empfehle ich hilfreiche Bücher und Internetseiten für weitere Recherchen.

Worüber sprechen wir denn hier genau?

Grundsätzlich nehmen wir Kinder als niedlich, süß und hilfsbedürftig wahr. Kinder können jedoch auch eine ganz andere Seite zeigen. Wenn sie sich nämlich streiten und schlagen oder generell aggressives Verhalten zeigen.

Wir Eltern sind mit diesen Situationen oft überfordert. Das Verhalten unserer Kinder erschrickt uns und noch erschreckender sind manchmal unsere Gedanken und Reaktionen auf dieses aggressive Verhalten.

Doch aggressives Verhalten bei Kindern hat seine guten Gründe. Es ist wichtig, dass wir diese Gründe kennen und die Ursachen verstehen. Dann können wir diesem Verhalten richtig begegnen und unseren Kindern helfen.

Ein Beispiel wäre das Gerangel unter Jungs in einer Ecke des Gartens. Jeder weiß, dass Jungs gerne ihre Kräfte messen und sich ständig zu kleinen Rangeleien herausfordern. Und dass das bis ins hohe Erwachsenenalter anzutreffen ist. Dieses Kräftemessen unter gleich alten sollte man auch ruhig zulassen. Es gehört einfach dazu. Allerdings dürfen unnötige Härte und Brutalität nicht geduldet werden. Man sollte auch unbedingt im Anschluss das Gespräch mit den Beteiligten suchen, um gemeinsam klarzustellen, warum das jetzt zu weit ging.

Wie zeigt sich aggressives Verhalten bei Kindern?

Schwierig ist es, zu erkennen, welches Verhalten noch gesund und natürlich ist, und welches zu weit geht oder gar krankhaft erscheint. Generell kann man nicht jedes aggressiv erscheinende Verhalten verurteilen. Kinder müssen ihre Grenzen und Kräfte testen. Sie müssen eine gesunde Psyche entwickeln. Und sie müssen auch lernen mit aggressiven Angriffen umzugehen und sich zu verteidigen. Es ist also durchaus ein komplexes Thema. Aber man muss nicht studiert haben, um mit diesen Situationen fertig werden zu können. Entscheidend sind gesunder Menschenverstand, viel Geduld und etwas Wissen, damit man richtig einschätzen kann, ob etwas aus dem Ruder läuft.

Kinder können sich oft noch nicht ausreichend artikulieren, um ihre Bedürfnisse klar zu machen. Besonders deutlich sieht man das schon bei Babys, die schreien, wenn sie Hunger haben und die Trinkflasche wegschlagen, wenn sie satt sind. Auf eine gewisse Art und Weise ist das auch „aggressives Verhalten“.

Irgendwann entdecken die Kinder ihr Ego, es wird ihnen bewusst, dass sie nicht ein Teil der Mutter sind, sondern eigene Wesen sind. Dazu trägt auch die Entdeckung des eigenen Spiegelbildes bei. Jedenfalls sind das ein Schock und ein Machtgefühl gleichermaßen. Von da an versuchen Kinder ihre Positionen, ihre Spielsachen, ihre Freunde usw. zu horten und ganz egoistisch für sich alleine zu haben. Für uns Erwachsene sieht das oft sehr grausam aus. Aber auch das sind ganz normale Phasen und gehören in einem gewissen Rahmen zur Sozialisation des Menschen dazu.

Wie man sieht, kann aggressives Verhalten die verschiedensten Formen annehmen. Manchmal ist die Qualität entscheidend (leichtes wegdrücken vs. umhauen) und manchmal die Quantität (Aufschrei beim Spielen vs. ständiges lautes Reden/Schreien). Dabei musst Du beachten, dass verschiedene Formen unterschiedliche Ursachen haben können. Deshalb ist es sehr wichtig, das Verhalten zunächst einmal, so neutral wie möglich zu beobachten.

Was sind die Ursachen für aggressives Verhalten bei Kindern?

Die häufigsten Ursachen für schwerwiegendes, problematisches aggressives Verhalten sind:

  • Angstgefühle und Kränkungen
  • Suche nach Aufmerksamkeit sowie generelle Opposition
  • Verlorensein oder Orientierungslosigkeit

Man muss immer wieder betonen, dass das aggressive Verhalten nur die Oberfläche ist. Es stecken also immer eine oder mehrere kombinierte Ursachen hinter dem Verhalten des Kindes. Unsere Aufgabe als Eltern ist es, herauszufinden, um welche Ursachen es sich handeln könnte. Das fällt uns unter Umständen sehr schwer, denn wir müssen unsere rosa Brille abnehmen und auch unschönen Wahrheiten ins Gesicht sehen. Hier beispielhaft einige Fragen, die man sich stellen könnte:

  • Bringe ich meinem Kind wichtige Werte und Regeln bei, nach denen es sich im Umgang mit anderen orientieren kann? Oder lasse ich das Kind einfach tun und machen was es will? Darf es stundenlang Fernsehen, Videospielen, Essen was es will und lange aufbleiben? Die Verlockung ist groß, den ständigen Forderungen des Kindes nachzugeben, „damit man endlich seine Ruhe hat“. Und es ist auch richtig und wichtig, dass Kinder lernen, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Auch die Eltern brauchen Zeit für sich. Das bedeutet aber nicht, dass man die Entscheidung über die Art der Beschäftigung ganz den Kindern überlässt.
  • Kinder möchten die engsten Menschen, vor allem die Mutter, ganz alleine für sich haben. So drängen sich Kinder zwischen Geschwister und Mutter und können es nicht akzeptieren, dass jemand anderes der Mutter näher ist. Wenn ein Geschwisterchen kommt, erhält das Kind zwangsläufig weniger Aufmerksamkeit und gibt dem Baby die Schuld dafür. Das kann bis zu dem Wunsch gehen, dass das Geschwisterchen weggeben werden soll oder tot sein soll. Klingt grausam? Ist aber nur halb so wild. Das sind Phasen, die man erkennen und behutsam überwinden muss.
  • Widme ich meinem Kind nicht zu viel und nicht zu wenig Aufmerksamkeit? Beides kann zu problematischem Verhalten führen. Behandle ich mein Kind gleichberechtigt bzw. gerecht gegenüber anderen Familienmitgliedern bzw. Geschwistern? Bereits Kleinkinder entwickeln früh ein ganz feines Empfinden für Gerechtigkeit. So nehmen sie kleinste „Ungerechtigkeiten“ bei Lob und Kritik, Geschenken, Essen und Trinken wahr. Da sie sich verbal nicht verteidigen können und keinen Anwalt haben, rebellieren sie eben auf andere Art und Weise.
  • Gibt es oft Streit zwischen den Eltern oder anderen Familienangehörigen? In Freundebüchern findet man unter der Frage „Was magst Du gar nicht?“ als Antwort bei mehr als zwei Dritteln der Kinder: „Streit“. (Ich vermute, dass hier fast immer der Streit zwischen Eltern gemeint ist.)
  • Welche Freunde hat mein Kind? Verschiedene Freunde haben auch unterschiedlichen Einfluss auf unsere Kinder. Und das ist auch gut so. Denn sie sollen ja lernen, mit unterschiedlichsten Menschen und ihren Charaktern klar zu kommen. Dennoch können Kinder, speziell von älteren Freunden, aggressives Verhalten abschauen.
  • Wenn das Kind in eine neue Gruppe kommt, findet es einigermaßen etablierte Beziehungen vorr. Und in diese Gruppendynamik muss es sich erst hineinfinden. Dabei kann es durchaus zu aggressivem Verhalten von Seiten des  Kindes oder von Seiten der Gruppe kommen. Vielleicht kennst Du das Verhalten, dass ein gemeinsamer „Feind“ den Gruppenzusammenhalt verstärken kann. Das ist oft der Grund, wenn auf einem Kind rumgehackt wird und wenn ein Kind gepiesackt wird. Solche Situationen wird man nie ganz verhindern können, umso wichtiger ist es, dass die Kinder den sozialen Umgang früh lernen und ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln.

Weitere wichtige Faktoren

Darüber hinaus gibt es noch drei weitere Gründe, die zu hier mitwirken: Genetische Voraussetzungen, denn mittlerweile geht man davon aus, dass die Tendenz zu aggressivem Verhalten zum Teil auch vererbbar ist. Das alleine darf jedoch niemals eine Ausrede sein, um das Verhalten des Kindes zu rechtfertigen.

Die Biologie des Körpers, sei es die Größe und Stärke oder die hormonelle Entwicklung. Kinder entwickeln sich unterschiedlich schnell. So kann ein plötzliches Kraftzuwachs oder körperliche Schwäche zu aggressivem Verhalten beitragen. Auch hormonelle Veränderungen wie man es später ganz deutlich in der Pubertät sehen kann, können aggressives Verhalten verstärken.

Auch die Psyche der Kinder ist ganz unterschiedlich ausgeprägt. Psychische Störungen wie ADHS, Depressionen oder Phobien können sich mit den oben genannten Gründen überschneiden und aggressives Verhalten fördern.

Wie kann ich diesem Verhalten richtig begegnen?

  • Man sollte sich gemeinsam mit dem Kind Ziele setzen, aber – ganz wichtig!- positiv formuliert.
    Nicht so gut: Ich darf nicht schreien. Oder: Ich soll niemanden schlagen. Da unser Unterbewusstsein Negationen nicht versteht, macht es daraus: Ich darf schreien. Oder: Ich soll schlagen.
    Besser ist es also: Ich will freundlich zu anderen sein. Oder: Ich bin immer hilfsbereit. Oder: Ich bleibe cool.
  • Wir sollten unseren Kindern schon früh soziale Kontakte in unterschiedlicher Form ermöglichen. Angefangen von der Krabbelgruppe über Sport- und Musikvereine bis hin zu neuen Freundschaften auf dem Spielplatz lernen unsere Kinder soziales Verhalten. Alleine zu Hause vor dem Fernseher ist die denkbar ungünstigste Voraussetzung, um soziale Intelligenz zu entwickeln. Man kann es nicht oft genug sagen: Fernseher ausschalten und raus auf den Spielplatz, in den Park oder Wald. Jetzt gleich!

 

 

  • Als allererstes sollten wir natürlich unsere Vorbildfunktion einsetzen. Wenn wir unsere Probleme durch Streit und Geschrei angehen, machen es die Kinder natürlich genau so. Es ist Zeit, aufzuwachen. Als Eltern hat man nun Verantwortung und muss endlich erwachsen werden und diese Rolle annehmen. Auch in unsere Erziehung haben unsere Eltern viel Liebe und Kraft rein gesteckt, auch wenn sie nicht perfekt waren. Das dürfen wir niemals vergessen. Keiner von uns Eltern kam fix und fertig auf die Welt.
  • Die Bedeutung von klaren und konsequenten Regeln kann nicht hoch genug angesetzt werden. Wir sollen keine Diktatur errichten und unsere Kinder herumkommandieren. Aber sie sollten klare und konsequente Regeln haben, nach denen sie sich richten können. Wichtig ist es, Regeln erst einmal zu setzen. Diese können später gemeinsam immer noch korrigiert werden, wenn das Kind sich weiter entwickelt. Hier ist es auch sehr hilfreich, bestimmte Routinen und Rituale zu etablieren. Sei es das Zubettgehen, das Aufstheen, das Anziehen, das Baden oder das Essen. Bestimmte Rituale strukturieren den Tag unserer Kinder und geben ihnen Sicherheit und stärken ihr Selbstbewusstsein.
  • Man sollte gemeinsam mit dem Kind über sein Verhalten sprechen und reflektieren. Aber niemals während des Ausbruchs! Am besten, man ignoriert eventuelle Wutausbrüche und bringt sie später, wenn sich unser Kind wieder beruhigt hat, deutlich zur Sprache.
  • Richtiges Spielzeug kann die Entwicklung des Kindes positiv fördern. So sollten Eltern Spielzeuge kaufen, die die Aktivität fördern, gemeinsam mit anderen Kindern gespielt werden können und relativ stabil und haltbar sind. Auch sollte den Kindern Respekt vor dem Eigentum beigebracht werden. Auch für uns gilt: Wir sollten unsere Gegenstände nicht vergöttern, aber auch nicht vergessen, dass sie nicht auf Bäumen wachsen. Denken wir immer daran, dass jemand die Idee dazu hatte, Geld aufgetrieben und investiert hat, die Herstellung organisierte, den Versand, die Lagerung und Einräumung im Laden, dann die Verbesserung und Optimierung usw. Es geht gar nicht so sehr um Geld und Kosten sondern um die Würdigung der unserer kulturellen Errungenschaften. Milliarden Menschen auf der Welt stehen diese Waren nicht ohne weiteres zur Verfügung.
  • Sorgen wir dafür, dass unsere Kinder immer wieder auch abschalten lernen und die Gelegenheit dazu bekommen. Ruhepausen, Mittagsschlaf usw. sind sehr wichtig.

Sich informieren und rechtzeitig professionelle Hilfe hinzuziehen

Selbstverständlich können allgemeine Tipps und Ratschläge keine professionelle Beratung ersetzen. Deshalb sollte man nie zögern, zum Wohle des Kindes Ärzte, Psychologen oder Verhaltenstherapeuten zu Rate zu ziehen. Je früher eine eventuelle Behandlung beginnt, desto größer sind die Erfolgsaussichten.

Weitere wertvolle Tipps und Hilfestellungen findest Du in diesen Büchern. Insbesondere folgende Titel sind sehr empfehlenswert:

         

Ebenfalls wertvolle Informationen und Hilfestellung erhältst du unter folgenden Internetseiten:

Rückschau

Wie wir sehen konnten, hat aggressives Verhalten bei Kindern in bestimmtem Rahmen seinen Platz. Es dient den Kindern dazu, ihre „Räume“ abzustecken, ihre Grenzen auszuloten und zu lernen, sich zu verteidigen. In diesem Rahmen tragen Streit und Konflikte zu einer gesunden Sozialisation unseres Kindes bei.

Aggressives Verhalten gehört bis zu einem gewissen Grad zu der Entwicklung der Kinder dazu. Auch wir haben als Kinder sicherlich aggressives Verhalten gezeigt. Frag nur mal Deine eigenen Eltern!

Dennoch ist auch klar geworden, dass es durchaus auch problematisches aggressives Verhalten gibt. Hier müssen wir uns über die Ursachen klar werden und die richtigen Schlüsse daraus ziehen. So können wir mit den richtigen Gesprächen und Gegenmaßnahmen die Motivation für unnötiges aggressives Verhalten beseitigen.

Noch einmal muss betont werden, dass uns Eltern hier eine Vorbildrolle zukommt und wir solche Ursachen nicht im vorbeigehen bewältigen können. Wir müssen uns intensiv, ernsthaft und selbstkritisch damit befassen. Das sind wir unseren Kindern auch schuldig. Übrigens auch unseren Mitmenschen, denn so leisten unsere Kinder ihren Beitrag zu einer besseren Welt.

 

 

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